Interview zum neuen Amazon-Verteilzentrum: Tariffreie Zone im Hamburger Hafen

Ein Gespräch mit Fabio De Masi in der jungen Welt

22.05.2019

Das Interview erschien am 22.5.2019 in der Zeitung junge Welt. Das Gespräch führte Kristian Stemmler.

junge Welt: Der Versandriese Amazon habe mit seinem neuen Verteilzentrum im Hamburger Hafen eine »tariffreie Zone« geschaffen, wie Sie anlässlich der offiziellen Eröffnung am 9. Mai kritisierten. Worauf beziehen Sie sich dabei?

Fabio De Masi: Amazon verweigert den Beschäftigten Tarifverträge. Aber sie bekommen von der Stadt ein Filetstück unweit der Hamburger Elbbrücken. Wer in Hamburg Pakete verteilt, soll seine Beschäftigten auch ordentlich bezahlen. Der Amazon-Konzern macht auf dem Rücken der Beschäftigten jene Profite, die er dann nicht versteuert.

Zur Eröffnung des bis dahin schon eine Weile operierenden Zentrums erschien auchHamburgs parteiloser Wirtschaftssenator Michael Westhagemann. Was halten Sie von solchen politischen Werbegesten?

Politiker sind immer dabei, wenn es darum geht, ein Band durchzuschneiden und über Jobs zu sprechen. Wäre ich Wirtschaftssenator in Hamburg, wäre ich übrigens auch gekommen – aber um den Tarifvertrag einzufordern. Da hätte der Senat Auflagen wie beispielsweise die Tariftreue machen müssen. Verhandeln müssen letztlich jedoch die Gewerkschaften.

Vom neuen Standort sollen jeden Tag bis zu 300 Transporter ausschwärmen, um die Zustellung der bestellten Ware noch am selben Tag im Großraum Hamburg zu garantieren.Was bedeutet das für die Verkehrsbelastung?

Die wird sicher zunehmen, da ja von Hamburg aus auch das Umland beliefert wird. Deshalb will Wirtschaftssenator Westhagemann die Paketdienste an einen Tisch holen, um optimale Zeitfenster für Auslieferungen zu ermitteln und Staus zu verhindern. Je mehr Paketdienstleister am Markt sind, desto höher ist natürlich der Stress auf den Straßen.

Der deutsche Logistikchef von Amazon beteuerte, man zahle den Mitarbeitern 11,37 Euro Stundenlohn. Wie glaubwürdig sind solche Aussagen zur Bezahlung der Beschäftigten im neuen Verteilzentrum?

Das ist schwer zu sagen, weil Amazon ein intransparentes Prämiensystem hat. Beschäftigte bekommen Prämien gestrichen, wenn die Belegschaft Ziele reißt. Das ist wie auf der Galeere, wenn einer zu langsam rudert, wird schneller getrommelt, damit sich die Beschäftigten gegenseitig unter Druck setzen. In jedem Fall unterschreitet Amazon den Tarifvertrag des Versand- und Einzelhandels, wie er etwa beim Konkurrenten Otto gilt.

Sie haben von Hinweisen berichtet, nach denen Amazon gezielt Menschen mit geringen Deutschkenntnissen anwirbt, um die Organisation der Beschäftigten zu erschweren. Woherhaben Sie diese Information?

Das erzählen uns die Gewerkschaften, und das ist auch gängige Praxis, da es natürlich für Mitarbeiter mit geringen Deutschkenntnissen schwieriger ist, soziale Rechte einzufordern. Eine der größten Aufgaben ist es, über Gewerkschafter aus den Herkunftsländern Vertrauen aufzubauen.

In Hamburg war das übrigens schon immer wichtig, denn wir sind eine Hafenstadt. Rund um den Hafen spricht man nicht nur Norddeutsch, sondern auch Portugiesisch, Englisch, Kreolisch oder Polnisch. Oftmals ist da der Arbeitskampf die einzige Sprache, die Amazon versteht.

Wie bewerten Sie die Rolle Amazons im Vergleich zu dessen Konkurrenz?

Amazon ist besonders aggressiv, da sie bei den Fahrern Subunternehmer respektive Scheinselbständige nutzen. Viele Kolleginnen und Kollegen aus Osteuropa fordern aber nicht ihre Mindestlöhne ein. Daher ist es so wichtig, die Nachunternehmerhaftung zu regeln. Dann würde Amazon für die gesamte Lieferkette haften.

Und während etwa die Deutsche Post als Universaldienst auch die Oma auf dem Land beliefern muss, picken sich private Dienstleister quasi die Rosinen heraus. Die ganze Liberalisierung des Post- und Paketmarktes dient der Lohndrückerei. Das ist das Geschäftsmodell.

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