Daphne Caruana Galizia: Wer hat sie umgebracht?

Die Zeit berichtet über den Mord an der Journalistin Daphne Caruana Galizia auf Malta

18.04.2018

19. April 2018, Die Zeit, Hannes Munzinger, Bastian Obermayer, Holger Stark und Fritz Zimmermann: Wer hat sie umgebracht?

"Vor sechs Monaten wurde auf Malta die Journalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe getötet. Wieder und wieder hatte sie über die Zustände in ihrem Land berichtet: Über einen Premierminister, der maltesische Pässe an reiche Russen verkauft, und ranghohe Politiker, die Offshore-Firmen besitzen. Dann schlugen die Mörder zu.

Die Mörder warten bis tief in die Nacht. Am 16. Oktober 2017 schalten sie um 1.41 Uhr das erste Handy ein, ein sogenanntes Burner-Phone, ein Wegwerfgerät, ausschließlich für das Attentat gedacht. Ein paar Minuten später, um 1.46 Uhr, aktivieren sie ein zweites Gerät. Laut den Ortungsdaten befinden sich die Handys in der Nähe des Dorfes Bidnija, im Norden der Insel Malta.

Als um kurz nach sechs die Sonne aufgeht, hat sich einer der Attentäter bei den Überresten einer Kanonenstellung postiert, die die Briten im 19. Jahrhundert auf einem Hügel errichteten. Von hier oben reicht der Blick weit über das Land, über die Gewächshäuser, in denen die Bauern Tomaten anbauen, die Hauptstraße, die sich durch den Norden Maltas schlängelt. Man erkennt auch das Landhaus der Journalistin Daphne Caruana Galizia am Ende einer schmalen Stichstraße.

Bei dem Mann auf dem Hügel handelt es sich offenbar um Alfred Degiorgio, das legen DNA-Spuren an einem Zigarettenstummel nahe, den die Polizei später bei der Geschützstellung sicherstellen wird. Degiorgio ist 53 Jahre alt und zählt zu einer Bande maltesischer Krimineller. Vor ein paar Monaten hat er ein weißes Sportboot mit grüner Sonnenabdeckung gekauft, die Maya. (...)

Die Enthüllungen sind der Beginn einer Regierungskrise. Der schwer angeschlagene Muscat ruft Neuwahlen aus. Das Volk soll über seine Schuld oder Unschuld entscheiden. Niemand anderes. Wer wirklich hinter Egrant steckt, bleibt unklar. Bis heute.

Jonathan Ferris, der Finanzermittler, glaubt, er hätte das Rätsel lösen können. Seinen Chefs habe er erklärt, sein Team auf die Firma ansetzen zu wollen. Am nächsten Morgen, im Juni 2017, habe man ihn ins Büro gerufen und fristlos entlassen. Die offizielle Begründung lautet, er sei seiner Aufgabe nicht gewachsen. "Sie wollten nicht, dass ich das Egrant-Rätsel löse", meint Ferris.

Bei einer Durchsuchung der Pilatus Bank finden Ferris’ Kollegen heraus, dass die Familie des aserbaidschanischen Präsidenten Alijew, über dessen Gasgeschäfte mit Malta Caruana Galizia geschrieben hatte, tatsächlich Verbindungen zur Pilatus Bank unterhält. Ein großer Teil der Konten gehören Eigentümern aus Aserbaidschan. Einige der Konten besitzen laut Ermittlern die beiden Töchter Alijews. Allein auf einem davon sollen sich mehr als 100 Millionen Euro befunden haben, so erzählt es ein Finanzermittler, der Einblick in die Pilatus-Konten hat.

Auch die Söhne des aserbaidschanischen Energieministers führen rund ein Dutzend Konten bei Pilatus. Damit bauen sie ein Netz aus Firmen und Immobilien in Europa auf. Insider geben an, dass häufig Gelder zwischen den Konten hin- und hergeschoben werden. Die Bank auf Malta ist für die Aserbaidschaner offenbar nicht nur ein Einfallstor nach Europa, sondern auch eine gute Möglichkeit, die Spuren des Geldes zu verschleiern. "Die Bank ist eine riesige Geldwaschanlage", sagt der deutsche EU-Parlamentarier Sven Giegold. Und sein Kollege Fabio De Masi hält die Insel für "einen staatlichen Rückzugsraum für kriminelle Geschäfte".

Dank der Hilfe von Joseph Muscats Regierungsclique wächst die Pilatus Bank schnell. Sie eröffnet ein Büro in Zürich, ein weiteres in Dubai, sie expandiert nach London. Als der Pilatus-Chef Sadr heiratet, sitzen Joseph Muscat, seine Frau Michelle und der Stabschef Keith Schembri bei der Hochzeitszeremonie in Italien in einer der vordersten Reihen.

Auf Malta benutzt eine Hyperelite die Politik, um Gewinne zu machen, und die Gewinne, um Politik zu machen. Eine Elite, die es nicht nötig hat, Banken zu überfallen, weil man sie gründen kann, und die es nicht nötig hat, Pässe zu fälschen, weil man sie kaufen kann. (...)"

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