Der tägliche Kampf einer Krankenschwester

Fabio De Masi über eine Stationsleiterin, die für ihren Beruf und ihre Patienten brennt – aber an den Zuständen verzweifelt

01.09.2017

Hamburg. Vor der Bundestagswahl am 24. September hat das Hamburger Abendblatt die aussichtsreichen Hamburger Kandidaten für ein ungewöhnliches Projekt gewonnen: Sie schreiben jeweils über ein Thema, das sie besonders bewegt, eine Person, die sie beeindruckt oder eine Institution in ihrem Wahlkreis, die aus ihrer Sicht mehr Aufmerksamkeit verdient. Heute schreibt Fabio De Masi, derzeit noch Europa-Abgeordneter und Spitzenkandidat der Partei Die Linke in Hamburg, zur Bundestagswahl.

Hanna*, Mitte 50, ist Krankenschwester. Stress kann sie ab. Sie hat lange in der Notaufnahme gearbeitet, bevor sie Stationsleitung wurde. Ihr Job macht ihr Spaß. Was gibt es Schöneres als Menschen zu helfen? Ihre Ausbildung machte sie einst in Altona. Würde sie einem jungen Menschen heute noch ihren Beruf empfehlen? Sie zögert nicht: "Nein!" Hanna ist wütend. Denn mit dem Fallpauschalen-System wurden Kliniken zur Fabrik. Es wird nicht mehr abgerechnet, was es kostet, einen bestimmten Menschen gesund zu pflegen, sondern der Patient wird entlassen, wenn die vorgesehene Liegezeit um ist. Ob ein Patient 20 oder 80 ist, spielt keine Rolle. Blutige Entlassung nennt man das. Oft kommen Patienten zurück, weil sie zu früh entlassen wurden.

 

Jetzt geht es in Krankenhäusern um Renditen. Der Landesbetrieb Krankenhäuser wurde an Asklepios verramscht. Die privaten Kliniken geben den Takt vor. Je weniger Personal und Liegezeit, desto höher der Gewinn. Bei Hanna sind in einer Tagschicht etwa zwei bis drei Pflegekräfte für ca. 30 Patienten zuständig. Eine Pflegekraft sitzt meist im Dienstzimmer und koordiniert zum Beispiel Aufnahmen, Entlassungen, OPs oder Untersuchungen.

Alles was am Patienten gemacht wird, muss genau dokumentiert werden, um mit den Krankenkassen die Behandlung abzurechnen. Das bindet Arbeitskraft, die am Patienten fehlt. Ärzte und Pflegekräfte hetzen durch Zimmer. Kranke und Angehörige bleiben mit Fragen und Ängsten zurück. Probleme können dabei übersehen werden. Oder die Hygiene – zur Verhinderung von Keimen – wird vernachlässigt. Eine Ärztin teilt Hannas Kopfschmerzen. Sie denkt darüber nach, den Job an den Nagel zu hängen. Die Renditen von Asklepios seien nicht mehr mit der Medizin-Ethik vereinbar.

Pflege macht krank: In Deutschland fehlen etwa 100.000 Pflegekräfte, alleine in Hamburg sind es 4000. Die Beschäftigten haben mehr als 35 Millionen Überstunden auf dem Buckel. In der Freizeit klingelt oft das Telefon, eine Kollegin ist krank. Wer will schon die Kolleginnen und Kollegen im Stich lassen – oder die Patienten? Immer mehr Pflegekräfte halten bis zur Rente nicht durch. Altersarmut droht.

Eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen

Aber Hanna kämpft: Für ihren Beruf, für die Patienten. Sie wünscht sich eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen – auch Abgeordnete. Sie fordert die Abschaffung von Zuzahlungen. Sowie mehr Zeit für Patienten und mehr Prävention. Hanna weiß, das ist machbar: Denn die Gesundheitskosten sind gemessen an der Wirtschaftskraft keineswegs explodiert. Nur das Geld der Versicherten finanziert immer weniger die Kranken und immer mehr die Profite der Pharma- und Gesundheitsindustrie.

Vor allem kämpft Hanna für die Mindestpersonalbemessung. Bis 1996 war dies noch üblich. Denn während sich in Deutschland rund 12 Pflegekräfte um 100 Krankenhauspatienten kümmern, sind es in den Niederlanden und der Schweiz mehr als doppelt so viele Pflegekräfte. In Norwegen kommen sogar 43 Pflegekräfte auf 100 Patienten.

Die Pflegekräfte kämpfen im Krankenhaus um unsere Gesundheit. Höchste Zeit dass jemand im Bundestag für sie kämpft.


*Der echte Name ist der Redaktion bekannt. Der Artikel kann hier online auf der Webseite des Hamburger Abendblatts gelesen werden.

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