Geld, Macht, Verbrechen: Fabio De Masi warnt vor den neuen Maschinen des Kapitalismus
VORABDRUCK in der Berliner Zeitung
Fabio De Masi erklärt, wie Wirtschaftskriminelle und Geheimagenten Finanzskandale nützen und warum die Arbeiter immer die Zeche zahlen. Ein Vorabdruck.
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Einer meiner Lieblingsfilme ist „Moderne Zeiten“ von Charlie Chaplin aus dem Jahr 1936. Chaplin spielt dort seine Paraderolle, den Tramp Charlie, einen Arbeiter, der während der Weltwirtschaftskrise in das Getriebe der Zahnräder einer Fabrik gerät. „Moderne Zeiten“ symbolisiert, wie Maschinen zunehmend über den Menschen bestimmen.
Bereits zu Beginn des Films sieht man eine Schafherde, in deren Mitte ein schwarzes Schaf läuft. Kurz darauf folgen Aufnahmen von Arbeitern, die aus dem Schacht einer U-Bahn-Station ausgespuckt werden. Die Arbeiter drängen in die Fabrik, darunter auch Charlie.
Der rasante Takt der Fließbänder verursacht motorische Störungen bei dem Tramp. Unter der Aufsicht des Chefs wollen Ingenieure eine Maschine testen, die Arbeiter automatisch füttern soll. Dadurch soll Pausenzeit eingespart werden. Charlie wird als Testperson ausgewählt, doch der Versuch scheitert. Durch das hohe Fertigungstempo gerät er nach einiger Zeit mit seinem Schraubenschlüssel zwischen die Zahnräder der Anlage.
Für mich hat dieser Film eine Bedeutung, die heute aktueller denn je ist. Einerseits steht er für den Kampf des Menschen gegen die Fremdbestimmung der Arbeit im modernen Kapitalismus, der unserem Leben immer engere Takte setzt und uns erschöpft. Andererseits zeigt der Film die Notwendigkeit, dem Wirtschaftssystem in die Speichen zu greifen und die Kontrolle über die „Maschine“ zu übernehmen, um die Wirtschaft an den Bedürfnissen einer Mehrheit auszurichten. Viele Linke haben diese Lektion vergessen und kümmern sich lieber um Zeitgeist-Themen als um die Maschine unserer Wirtschaft.
Die Notwendigkeit, die Wirtschaft zu verstehen, ist im Internet- und Datenkapitalismus immer drängender geworden, denn auch Wirtschaftsmacht hat mit der digitalen Plattform-Ökonomie zugenommen: Die Big-Tech-Konzerne des Datenkapitalismus sind mächtiger, als es Autokonzerne oder Öl-Tycoons jemals waren. Nach der Corona-Pandemie übertraf der Anteil der fünf größten börsennotierten US-Tech-Unternehmen (Apple, Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta) am Gesamtwert des US-Aktienmarktes jede einzelne Branche seit dem Zweiten Weltkrieg. Und die Online-Videoplattform YouTube behauptete 2023, dass die Aktivitäten der „creators“, die auf YouTube Videos veröffentlichen und für den Konzern nicht selten gratis Daten und Inhalte produzieren, hunderttausenden Vollzeit-Jobs entsprechen würden. Das ist ein Vielfaches der Arbeitsplätze des US-Autobauers General Motors.
Solche Schätzungen mögen übertrieben sein, aber der Wandel des digitalen Kapitalismus ist eine Realität. Auch wenn die große Mehrheit der Menschen in Ländern wie Deutschland nicht mehr im Blaumann in die Fabriken strömt: Weiterhin sind wir wie die Hamster im Rad. Die Mehrheit der Menschen produziert zwar täglich die Werte, die unseren Wohlstand schaffen, verfügt aber nur über eine geringe Entscheidungsgewalt in der Wirtschafts- und Arbeitswelt.
Der Datenkapitalismus hat längst eine digitale Dystopie geschaffen, die dem rohen Fabrik-Kapitalismus von Chaplin in nichts nachsteht: Die einen können nie abschalten, weil sie ihr Büro im Handy immer mit nach Hause nehmen. Die stumpfen Arbeitsschritte der Lagerarbeiter von Amazon werden hingegen bereits von Google-Brillen gesteuert. Halbleere Fahrzeuge mit konkurrierenden Lieferdiensten und schlecht entlohnten Arbeitsmigranten, die sich als Paketboten und Essenslieferanten durchschlagen, hetzen durch unsere Innenstädte, um uns die elektrische Zahnbürste innerhalb von 24 Stunden und das Thai-Curry in den nächsten 30 Minuten zu liefern. Immer mehr Menschen haben immer weniger Zeit und Energie, um ihr Essen selbst zuzubereiten.
Die motorischen Fähigkeiten von Kindern verkümmern, sie verlernen durch Handys, zu lesen und sich auf eine Aufgabe länger zu konzentrieren. Unsere Kreativität, Interessen und Sicht auf die Welt werden zunehmend durch die Algorithmen von Internetkonzernen gesteuert. Wir sind ständig vernetzt und kommunizieren, aber die Einsamkeit nimmt zu und immer mehr Menschen in Großstädten leben in Single-Haushalten. Selbst die Liebe wird über Dating-Apps vermittelt, weil es immer weniger Kontinuität und stabile soziale Beziehungen in unserem Leben gibt.
Ende der Arbeit? Von wegen!
Der Film „Moderne Zeiten“ symbolisiert für mich daher auch die politischen Ideen der einstigen Arbeiterbewegung von demokratischer Steuerung der Wirtschaft. Denn wir lösen unsere Probleme nicht, wenn wir versuchen, als Individuum aus dem Kapitalismus auszusteigen, Tomaten anbauen und uns der Lohnarbeit entziehen. In den Debatten um ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es die Mitglieder meiner früheren Partei Die Linke fordern, wird immer wieder ein „Ende der Arbeit“ durch neue Technologien verkündet. Ich bin skeptisch. Noch nie gab es so viele Erwerbstätige und geleistete Arbeitsstunden in Deutschland wie 2024. Im Datenkapitalismus entstehen einerseits hoch bezahlte Dienstleistungsberufe für IT-Spezialisten, andererseits aber auch viele schlecht bezahlte „McJobs“. Es ist zwar richtig, dass Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen das Potenzial haben, zahlreiche Jobs zu ersetzen. Doch die Arbeit geht uns deswegen nicht grundsätzlich aus. Neue Technologien schaffen immer auch neue Probleme. Wir leben zum Beispiel durch die Errungenschaften der Medizin länger, verbringen aber auch mehr Lebenszeit in Krankheit und Pflege. Solange der Mensch als kreatives Wesen existiert und sein Hirn noch nicht vollständig an den Roboter abgegeben hat, wird er Dinge erschaffen.
Zudem wird es immer auch Arbeit brauchen, um ein Grundeinkommen zu finanzieren und damit Güter einzukaufen, die irgendwer herstellen muss. Wer sich also der Lohnarbeit entzieht, kann dies nur, weil andere für ihn arbeiten. In einem Sozialstaat ist dies vertretbar, wenn es um die Kranken und Schwachen geht oder jene, die zeitweise ihren Job verloren haben oder wegen technologischer Umbrüche neue Qualifikationen erwerben müssen. Damit verhindert man in Krisen auch einen tieferen wirtschaftlichen und sozialen Absturz. Aber Geld für alle, auch solche, die es nicht brauchen, heißt eben auch weniger für jene, die es wirklich brauchen.
Vorschläge wie ein bedingungsloses Grundeinkommen sind daher Scheinlösungen. Die Welt wird nicht gerechter, wenn alle einen pauschalen Geldbetrag erhalten und am Ende weniger für jene zur Verfügung steht, die krank oder ohne Arbeit sind. Und die Unternehmen werden versuchen, die Löhne noch tiefer zu drücken, wenn sie wissen, dass der Staat eh allen ein Grundeinkommen bezahlt.
Vor allem aber stiftet Arbeit auch Sinn und Gemeinschaft. Es ist kein Zufall, dass sich etwa die Kohlekumpel im Ruhrgebiet trotz der harten Arbeitsbedingungen unter Tage so stark mit ihrer Industrie identifizierten. Menschen sind soziale Wesen. Ihnen nur Geld zu überweisen und sie dann ihrem Schicksal zu überlassen, ist keine linke Idee, sondern eine „Sofa-Prämie“, die jeden Anspruch auf soziale Fortschritte und die Verbesserung der Arbeitswelt sowie die demokratische Steuerung unserer Wirtschaft aufgibt. Doch ohne die Kämpfe darum hätten wir heute keinen Kündigungsschutz oder auch nur den Acht-Stunden-Arbeitstag.
Auch die Debatten über Migration und Probleme bei der Integration von Flüchtlingen verdeutlichen den Stellenwert der Arbeit: Türken, Italiener oder Griechen strömten in der Nachkriegszeit auch als Ungelernte in Fabriken oder eröffneten Geschäfte. Natürlich gab es auch damals Konflikte zwischen Einheimischen und Zuwanderern. Doch Arbeit erleichterte soziale Kontakte, das Erlernen der deutschen Sprache, das Selbstwertgefühl und das Engagement in Parteien, Vereinen und Gewerkschaften. Wenn im Zuge der Flüchtlingskrise aber viele junge Männer ohne Perspektive und Beschäftigung in kurzer Zeit zu uns kommen, führt dies zwangsläufig zu Problemen, Enttäuschungen und Überforderung. Eine gerechte und vernünftige Politik, die Zusammenhalt stiftet, ist daher ohne Arbeit undenkbar.
Der Sinn des Lebens
Ein Mensch des 21. Jahrhunderts wird nicht klüger geboren als ein Mensch im Mittelalter. Ein moderner Mensch kann ein Auto fahren, ohne den Motor zu verstehen. Ein Mensch aus dem Mittelalter könnte dies auch. Doch der Mensch der Gegenwart steht auf den Schultern der Menschen vor ihm, die erst später in Arbeitsteilung Autos bauten.
Die Ökonomin und Innovationsforscherin Mariana Mazzucato betont, dass alle wichtigen Technologien des iPhone mit öffentlichen Mitteln entwickelt wurden: vom Internet über das GPS oder den Touchscreen.
Es gibt jedoch keine Garantie, dass private Unternehmen, getrieben durch die Renditeziele anonymer Finanzinvestoren sowie durch den Wettbewerb und den Preismechanismus, unsere Ressourcen für die Lösung unserer Probleme oder das Gemeinwohl nutzen. Einem Finanzinvestor mit kurzfristigen Renditezielen ist es egal, ob der Profit aus Waffensystemen, Internetsucht oder Krebsmedikamenten stammt. Es geht daher darum, die Arbeit – ob zu Zeiten der Fließbänder oder der Künstlichen Intelligenz – in den Dienst einer Mehrheit zu stellen. Es geht darum, wie und was wir produzieren, oder, anders gesagt, um Wirtschaftsdemokratie. Diese steht im Widerspruch zur Macht des Finanzmarktes.
Entfesselung der Finanzmärkte
Geld und Kredit sind wie ein Zauberstab. Zahlen auf Computern können per Knopfdruck Maschinen und Menschen in Bewegung setzen, Erfindergeist wecken und unseren Wohlstand mehren oder in grenzenloser Gier die niedersten Instinkte des Menschen wecken. Die Finanzmärkte und das Geld von Anlegern können eine treibende Kraft bei der Finanzierung von großen Investitionen sein, die sich nicht mit dem Unternehmenskredit einer Hausbank stemmen lassen, oder ganze Volkswirtschaften unter Schutt und Asche begraben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Kapitalismus in den meisten Industrienationen zunächst stärker reguliert. Es gab nicht nur sehr hohe Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP), sondern auch höhere Steuern auf Unternehmensgewinne, Kapitaleinkünfte und Spitzeneinkommen, schärfere Kontrollen des Kapitalverkehrs und strengere Regulierungen von Banken. Staaten beseitigten erst schrittweise Schutzzölle, die Arbeitslosigkeit war gering und die Gewerkschaften waren stark.
Ab den 1970er Jahren jedoch wurden die Finanzmärkte zunehmend entfesselt: Die USA hatten aufgrund des Vietnamkrieges die Staatsverschuldung und Handelsdefizite ausgeweitet und die Inflation nahm zu. Die Teuerung hatte mehrere Ursachen: Es kam zum Ölpreisschock im Zuge geopolitischer Konflikte mit den Erdöl produzierenden Ländern, die hohen Produktivitätszuwächse durch die Fließbandproduktion und den großen Absatz von Autos, Kühlschränken oder Fernsehgeräten erschöpften sich, die Unternehmenskonzentration und die Markt- und Preismacht nahmen zu, und die hohen Rüstungsausgaben und die Entsendung von Soldaten beanspruchten knappe Ressourcen und Arbeitskräfte. Die Gewerkschaften versuchten daher, auf die steigenden Preise mit höheren Lohnforderungen zu reagieren, die erneut zum Preisanstieg beitrugen.
Durch die höheren Preise und die US-Defizite kamen mehr US-Dollar in Umlauf. Denn kauften die USA etwa Öl in den Golfstaaten ein, konnten sie diese Einkäufe in ihrer eigenen Währung, dem US-Dollar, bezahlen. Der US-Dollar war jedoch an eine Verpflichtung der US-Zentralbank gekoppelt, diesen auf Verlangen in Gold umzutauschen. Wenn die USA also Öl aus Saudi-Arabien kauften, konnten die Saudis die Dollar in den USA investieren oder Goldbestände bei der US-Zentralbank anhäufen. Zunehmend wurden die vielen US-Dollar auch außerhalb der USA auf den sogenannten Euro-Dollar-Märkten investiert, und es gab Zweifel, ob die USA noch in der Lage wären, den Umtausch von US-Dollar in knappe Goldvorkommen zu garantieren. Daher wurde 1971 mit dem sogenannten „Nixon-Schock“ die Golddeckung und das System fester Wechselkurse aufgegeben und der Kapitalverkehr zunehmend entfesselt.
Damit entledigten sich die USA der Verpflichtung, das internationale Währungssystem zu stabilisieren, und konservative Politiker bliesen zum Angriff auf Löhne und den Sozialstaat. Denn als Schuldige für die hohe Inflation wurden die Gewerkschaften mit zu hohen Lohnforderungen ausgemacht. Ganz ähnliche Entwicklungen konnten wir nach der Corona-Krise und dem Energiepreisschock im Zuge des Ukrainekrieges besichtigen.
Nach der kurzen Phase des regulierten Kapitalismus der Nachkriegszeit und der Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiterhaushalte in den USA, Westeuropa und Japan nahm nun gleichermaßen der Druck auf die Beschäftigten und auf die Industrie zu. Die Industrie stand unter Druck des Finanzsektors, der mit der zunehmenden Möglichkeit, Kapital rund um den Globus in aufstrebenden Volkswirtschaften anzulegen, höhere Renditen bzw. einen immer größeren Anteil am wirtschaftlichen Kuchen einforderte. Denn die Rentiers (vermögende Finanzinvestoren oder Fonds) beanspruchen einen immer größeren Anteil der ökonomischen Produktion über Kapitaleinkommen (Zinsen, Dividenden etc.). Der Finanzkapitalismus verhält sich dabei wie ein hungriges Biest, wie ein Minotaurus, der Stier-Mensch aus der griechischen Mythologie, der immer mehr Futter braucht, um sein Gewicht zu tragen. Was in antiken Gesellschaften die hohen Priester waren, die Opfergaben verlangten, um die Götter zu besänftigen, in Wahrheit aber sich selbst ernährten, waren in der Frühphase des Kapitalismus die Landbesitzer, die nicht aufgrund eigener produktiver Tätigkeit, sondern ihres Besitzes einen Teil des wirtschaftlichen Ertrages beanspruchten. Heute sind es die Finanzmärkte, die einen immer höheren Tribut von den Unternehmen und ihren Beschäftigten verlangen.
In den 1980er Jahren betrug das Verhältnis der Gehälter von Vorständen börsennotierter Konzerne im Deutschen Aktienindex (DAX) zu den Durchschnittslöhnen ihrer Beschäftigten noch etwa 15 zu 1. Heute beträgt es 41 zu 1. Häufig stehen die hohen Boni und Vergütungen wie Aktienoptionen in keinem Verhältnis zu der Leistung des Managements. Die Lohnspreizung hat in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre erheblich zugenommen. Und die Reallöhne der Beschäftigten in den USA, also die Löhne unter Berücksichtigung der Inflation und somit der Kaufkraft, stagnieren seit den 1970er Jahren. Zwischen 1979 und 2020 nahmen die Löhne der Beschäftigten in den USA zwar um etwa 18 Prozent zu, die Produktivität wuchs aber um 62 Prozent. Ein Arbeiter, der in derselben Arbeitszeit wie vor 40 Jahren statt 100 Paar Schuhen nunmehr 160 Paar Schuhe produziert, dafür aber nur etwa 20 Prozent mehr Lohn erhält, ist also aus Sicht des Unternehmens billiger geworden. Denn es steckt weniger Lohn in jedem Schuh, und wenn die Preise nicht im selben Umfang gesenkt werden, erzielt das Unternehmen höhere Gewinne. Die Arbeiter wurden also schleichend enteignet.
Die Entfesselung der Finanzmärkte wird in der wissenschaftlichen Literatur mit „Finanzialisierung“ umschrieben. Darunter werden verschiedene Entwicklungen gefasst, etwa das Wachstum des Finanzmarktes im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, die kurzfristige Renditeorientierung und Ausrichtung der Unternehmenspolitik an den Bedürfnissen der Aktionäre (Shareholder-Value) sowie die zunehmende Macht von Finanzinvestoren und Rentiers über die Kommandohöhen von Politik und Wirtschaft. Auch der zunehmende Druck auf Löhne, Renten oder Staatsausgaben und die zunehmende Konzentration der Vermögen sind eine Folge der Finanzialisierung. Die Finanzmärkte haben sich dabei seit den 1980er Jahren zunehmend von der Finanzierung von Investitionen entkoppelt.
Diese Entwicklungen zur Entfesselung der Finanzmärkte, zuletzt auch von US-Demokraten und Mitte-links-Parteien in Westeuropa befördert, mündeten schließlich in die Finanzkrise 2007 und eine massive politische Erschütterung. Sozialdemokratische Parteien beteiligten sich an der Politik der Kürzung von Investitionen, Löhnen, Renten und Sozialstaat. Der Philosoph und Harvard-Professor Michael Sandel führte 2025 aus: „All diese Mitte-links-Parteien haben die arbeitenden Menschen vergrault, indem sie fünf Jahrzehnte lang die neoliberale Globalisierung und Deregulierung der Finanzindustrie mitgetragen haben. Das hat denen an der Spitze des Systems riesige Gewinne eingefahren, aber fast überhaupt keinen Einkommenszuwachs für den durchschnittlichen Arbeiter gebracht. (…)“
Auch die kurze Phase des Aufschwungs von Linksparteien, wie in Griechenland, mündete in eine Verschlechterung des Lebensstandards für breite Schichten der Bevölkerung. Laut einer Studie der schwedischen Zentralbank, die über 200 europäische Wahlen auswertete, hat die Kürzungspolitik massiv zum Aufschwung rechter Parteien beigetragen. Im Zuge der Regime-Change-Kriege des Westens und der politischen Umbrüche im Arabischen Frühling trat die Flüchtlingskrise hinzu.
Der Versuch des US-Präsidenten Donald Trump, mit Wirtschafts-Nationalismus und Handelskriegen die einstige weiße Industriearbeiterschaft des Rust Belt in den USA zu befrieden, ist ein Ausdruck dieser Entwicklung. Wir sind somit in gewisser Hinsicht längst in eine neue Phase der internationalen Entwicklung eingetreten. Der entfesselte Finanzkapitalismus und die Hyper-Globalisierung sind Handelskriegen und dem Systemwettbewerb zwischen den USA und dem staatlich regulierten Kapitalismus Chinas mit seiner strategischen Industriepolitik gewichen. Zudem wurden die techno-feudalistischen Konzerne des Datenkapitalismus, die unsere sozialen Verhaltensdaten nutzen, um neue Konsumbedürfnisse zu schaffen oder Finanzgeschäfte mit uns zu machen, immer wichtiger. Verteilungskämpfe im Zuge der aktuellen Hochrüstung wie auch die Schlacht um die Kontrolle über das internationale Finanzsystem, etwa zur Durchsetzung von Sanktionen, nehmen in diesem Systemwettbewerb weiter zu.
Fabio De Masi: Geld, Macht, Verbrechen. Von Finanzskandalen, Wirtschaftskriminellen und Geheimagenten. Erscheint am 17. Juli 2026 im Rowohlt-Verlag, gebunden, 336 Seiten, 24 Euro
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- https://www.rowohlt.de/buch/fabio-de-masi-geld-macht-verbrechen-9783498005436
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